Vater sieht liebevoll seinen Sohn an

Nicht verdient. Geschenkt.

Jürgen Ferrary
22. Mai 2026

Als ich Christ wurde, dachte ich lange, ich müsste erst ein bestimmtes geistliches Level erreichen, damit Gott mich gebrauchen könnte. Ich meinte, meine Sünden müssten erst weit genug zurückgedrängt sein – auch wenn ich nie genau wusste, wo diese Grenze eigentlich liegen sollte. Ich wollte mich möglichst „kirchenkompatibel“ verhalten, nicht nur sonntags, sondern auch im Alltag. Und vor allem dachte ich: Mein geistliches Leben müsste besser organisiert sein. Mehr Bibel lesen. Mehr beten. Mehr Disziplin.

Ich glaubte, wenn ich mich nur genug anstrenge, würde Gott mir irgendwann bestimmte Dinge anvertrauen. Doch Pfingsten erzählt eine völlig andere Geschichte. Pfingsten war keine Belohnung für besonders reife Christen. Es war die Erfüllung einer Verheißung.

Jesus hatte seinen Jüngern schon lange vorher versprochen: „Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Ratgeber (Griech. Paraklet; das Wort kann auch Tröster, Ermutiger oder Anwalt bedeuten; so auch in 14,26.) geben, der euch nie verlassen wird. Es ist der Geist der Wahrheit. Die Welt kann ihn nicht empfangen, denn sie sieht ihn nicht und erkennt ihn nicht. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird.“ (Johannes 14,16-17).

Und dann kam dieser Moment. Der Heilige Geist wurde ausgegossen.

Nicht, weil die Jünger plötzlich vollkommen geworden waren. Nicht, weil sie nie mehr zweifelten. Nicht, weil sie besonders mutig oder geistlich wirkten. Es waren dieselben Menschen, die kurz vorher noch Angst gehabt hatten. Dieselben, die gestritten hatten, wer der Größte sei. Dieselben, die Jesus im entscheidenden Moment allein ließen.

Und genau auf diese gewöhnlichen Menschen kam Gottes Geist. Wind erfüllte das Haus. Feuer ruhte auf ihren Köpfen. Nicht als Auszeichnung für die Besten. Sondern als Geschenk für Bedürftige. Das liebe ich an Pfingsten: Gott wartet nicht darauf, dass wir stark genug werden. Er kommt zu Menschen, die wissen, dass sie ihn brauchen.

Und irgendwann begriff ich: Genau darin liegt auch das Geheimnis für uns heute. Jesus macht es erstaunlich einfach. Er sagt: „Wenn aber selbst ihr sündigen Menschen wisst, wie ihr euren Kindern Gutes tun könnt, wie viel eher wird euer Vater im Himmel denen, die ihn bitten, den Heiligen Geist schenken“ (Lukas 11,13).

Bitten. Nicht beeindrucken. Nicht perfekt funktionieren. Nicht geistlich performen. Bitten. Natürlich bedeutet das auch, unser Herz zu öffnen. Vertrauen zu wagen. Kontrolle loszulassen. Denn der Geist Gottes bleibt nicht oberflächlich. Er verändert uns.

Er deckt Dinge in uns auf, die heil werden müssen. Er tröstet uns. Er schenkt Orientierung. Er macht Gottes Wort lebendig. Plötzlich wird Bibellesen nicht mehr nur Pflicht, sondern Begegnung. Gebet wird mehr als ein religiöses Ritual.

Und noch mehr: Der Geist Gottes schenkt Kraft für das Leben, das Gott für uns vorbereitet hat. Er befähigt uns. Er richtet auf. Er erinnert uns daran, wer wir wirklich sind. Der gleiche Gott, der einst den Tempel erfüllte, wohnt heute in Menschen.

Nicht zu Besuch. Nicht auf Abstand. Sondern in uns. Und genau das verändert alles. Nicht weil wir uns auf ein neues Level gekämpft hätten. Sondern weil Gott sich selbst schenkt. Nicht verdient. Geschenkt.

Herausforderung für heute: Wenn du an den Heiligen Geist denkst – denkst du eher an eine unpersönliche Kraft oder an Gottes Gegenwart ganz nah bei dir? Nimm dir heute einen Moment Zeit und bitte Gott ganz schlicht und ehrlich, dich neu mit seinem Geist zu erfüllen und dein Herz für sein Wirken zu öffnen.

Sei gesegnet!

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ – Antoine de Saint-Exupéry

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